12 Klassiker im Jahr · 2018

6 Klassiker für 2018 | #1 | “Jugend ohne Gott” | Rezension

Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur der Gehorsam, geht die Wahrheit, und die Lüge kommt. Die Lüge, die Mutter aller Sünden. – S. 116

Im Rahmen der insgesamt 12 Klassiker für 2018 (sechs deutsche, sechs englischsprachige Klassiker) habe ich mir ein paar Bücher aus meinem Bücherregal geholt, die schon seit einer Weile dort stehen und die von der Welt aus verschiedensten Gründen als „Klassiker“ eingestuft wurden. Den Anfang macht „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth, ein Buch, auf dass ich erst aufgrund einer kürzlich im Kino erschienenen Filmadaption aufmerksam wurde.  


Die Kriminalgeschichte handelt von einem 34-jährigen Geographie- und Geschichtslehrer, der Kinder der Unterstufe unterrichtet. Seine humanitäre Einstellung stößt sowohl bei den Kindern als auch bei deren Eltern auf ein hartes Bollwerk an Ablehnung und Ignoranz. Der Versuch, diese Einstellung mit dem in Einklang zu bringen, was der totalitäre Staat verlangt, wird für ihn immer schwieriger. Als es dann schließlich auf Klassenfahrt geht, wo die Kinder in einem Zeltlager eine vormilitärische Ausbildung absolvieren müssen, eskaliert die Situation, sodass der Lehrer durch seine Einmischung Schuld auf sich lädt und mit Gott und der Welt, die ihn umgibt, zu hadern beginnt.

Es gibt Geschichten, die sind von sich aus schon beklemmend und aufwühlend. Wenn man dann aber noch die geschichtlichen Hintergründe und die des Autors dazu kennt, dann gibt das der Geschichte eine Authentizität, die einem einen beinahe ehrfürchtigen Schauder über den Rücken jagt. Genauso ging es mir mit dem Klassiker „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth aus dem Jahre 1937. Ihr merkt vielleicht schon: Das Veröffentlichungsjahr und die behandelte Thematik bilden eine mehr als explosive Einheit. Dank dem zusätzlichen erklärenden Nachwort von Elisabeth Tworek und einer Zeittafel, die einen Überblick über das kurze Leben des Autors bietet, gewinnt die Geschichte an Tiefe und zeitgeschichtlicher Wichtigkeit.
Denn was hier geschieht ist Folgendes: Hier setzt sich ein Autor während des Nazi-Regimes kritisch mit den Auswirkungen der Kindeserziehung in einem totalitären Staat auseinander und beleuchtet den damit einhergehenden Werteverfall einer Gesellschaft. Auf diese Weise wirft er einen Blick in eine Zukunft, die der Welt außerhalb seines Textes noch bevorsteht. Und ich bin ehrlich: Ich hatte Gänsehaut, weil es mich so gegruselt hat. Aber hier liegt der Horror jenseits von Untoten und blutigem Gemetzel: hier ist der Horror das menschengeschaffene Grauen in der Geschichte unserer Vorfahren.

Der Autor erzählt von einer Jugend ohne Gott, und meint damit auch eine Jugend ohne Respekt, ohne Gottesehrfurcht, eine verrohte Jugend voller verdrehter Prinzipien und Weltansichten. Man fragt sich unweigerlich: was für eine Art Mensch wird hier herangezogen, die nur Hass, Selbstbeweihräucherung und die Macht der selbsternannten Stärkeren über die restlichen Schwächeren kennt? Von Horváth beschreibt den inneren und äußeren Kampf dieses Lehrers mit sehr eindringlichen Worten, die Verzweiflung dieses Mannes ist durch die Seiten hindurch so klar spürbar, als empfände man sie selbst:

Dass diese Burschen alles ablehnen, was mir heilig ist, wär zwar noch nicht so schlimm. Schlimmer ist schon, wie sie es ablehnen, nämlich: ohne es zu kennen. Aber das Schlimmste ist, dass sie es überhaupt nicht kennen lernen wollen! Alles Denken ist ihnen verhasst. – S. 19

Denn das zeigt doch, dass es Menschen gegeben hat, die noch nachgedacht haben. Die wussten: Rassentrennung ist totaler Bullshit, die Verherrlichung eines einzelnen, kleinen, wütenden Mannes ebenfalls und Kinder müssen Kinder bleiben dürfen und nicht zu Marionetten eines Regimes werden, das sich willenlose Soldaten ohne eigene Meinung heranzieht. Allein deshalb ist dieses Buch für mich so wichtig: Es zeigt auf, dass die Würde jedes einzelnen Menschen unantastbar sein muss und dass kein Mensch, kein Staat, kein Regime das Recht hat, sich über dieses grundlegende Gesetz zu stellen. Wir alle sind es wert, zu leben und Teil einer funktionierenden, toleranten Gesellschaft zu sein. Und nur, wenn man den Geist der Kinder dahingehend formt, dass Empathie, Toleranz und Nächstenliebe zu den Tugenden gehören, nach denen ein jeder lebt, können aus diesen Kindern Erwachsene werden, die andere akzeptieren statt sie zu bekämpfen.

Ich persönlich finde, „Jugend ohne Gott“ wird zurecht als eines der wichtigsten Werke der klassischen Moderne gezählt. Für mich zählt dieses Buch bereits jetzt zu den besten Büchern, die ich dieses Jahr lesen werde. Vielleicht nicht wegen der Spannung, aber allein schon wegen der Aussage, die hinter jedem einzelnen Satz und zwischen jeder Zeile steht.

 In einem frühen Vorwort zum späteren Roman hatte Ödön von Horváth im November 1935 prophezeit: ‚Ich übergebe dieses Buch der Öffentlichkeit unserer Zeit. Ich weiss, es wird viel verboten werden, denn es handelt von den Idealen der Menschheit … Es ist ein Buch gegen die geistigen Analphabeten, gegen die, die wohl lesen und schreiben können, aber nicht wissen, was sie schreiben und nicht verstehen, was sie lesen. Und ich habe ein Buch für die Jugend geschrieben, die heute bereits wieder ganz anders aussieht, als die fetten Philister, die sich Jugend dünken. Aus dem Schlamm und Dreck verkommener Generationen steigt eine neue Jugend empor. Der sei mein Buch geweiht! Sie möge lernen aus unseren Fehlern und Zweifeln! Und wenn nur einer dies Buch liest, bin ich glücklich.‘

– Nachwort von Elisabeth Tworek in: „Jugend ohne Gott“ – S. 170

 


Autor:   Ödön von Horváth
Titel:     Jugend ohne Gott
Verlag:  dtv (Deutscher Taschenbuch Verlag)
Jahr der Veröffentlichung dieser dtv-Ausgabe: 2010; Text folgt der Erstausgabe von 1937
Seiten:  174
[Genre: Fiktion | Klassiker]


 

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17 thoughts on “6 Klassiker für 2018 | #1 | “Jugend ohne Gott” | Rezension

  1. Ida – danke! ❤ ´
    Du hast in deiner Rezension das in Worte gefasst, wofür ich nicht die rechten finden konnte. Es macht mich sooo glücklich, dass dich "Jugend ohne Gott" genau so tief beeindruckt hat wie mich!

    Liked by 2 people

    1. Ach was, ich danke DIR für deinen lieben Kommentar! 🙂 Es freut mich so, dass dir die Rezension gefällt. Und da sagt man so oft, Klassiker wären trocken und schwer lesbar… aber das trifft bei “Jugend ohne Gott” einfach nicht zu – ich brauche wahrscheinlich noch länger, um über dieses Buch hinwegzukommen 😀 Schön, dass ich nicht die Einzige bin, die das Buch so berührt hat 🙂
      Allerliebste Grüße! ❤

      Liked by 2 people

  2. Hallo Ida,
    mir läuft schon bei deiner Rezension ein Schauder über den Rücken. Das ist ein Blickwinkel auf die Nationalistische Zeit, die ich bisher noch nicht kenne. Sehr interessant, klingt lesenswert und ich hab es mir hier gemerkt.
    LG – Daniela
    PS: Ich hab dich hier getaggt, mich würde sehr interessieren, welche Bücher du für den Monopoly-Tag findest und empfiehlst, da du doch auch sehr interessante Bücher liest!

    Liked by 2 people

    1. Vielen Dank, liebe Daniela!
      Schön, dass ich auch etwas unbekanntere Bücher in die Regale anderer bringen kann 😉
      Es ist ein wirklich sehr beeindruckendes Buch und die Schreibweise des Autors erinnert irgendwie an bereits vergangene Zeiten – das kreiert natürlich auch nochmal eine ganz besondere Atmosphäre.
      Den Monopoly-Tag werde ich mir auch im Februar vornehmen, danke fürs Taggen 🙂 Es klingt richtig spannend!

      Liebste Grüße und dir ein wunderbares Wochenende!
      Ida

      Liked by 1 person

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