Ida schreibt

#WritingFriday [2]: “So dunkel die Nacht”

Und schon ist es Zeit für den zweiten Beitrag im Rahmen des #WritingFriday! #WritingFriday ist eine Aktion, die von der lieben Elizzy vom Blog readbooksandfallinlove ins Leben gerufen wurde. Jeder, der sein kreatives Schreiben ein wenig auf Vordermann bringen möchte oder einfach nur Spaß am Schreiben hat, kann zu einem der von ihr vorgegebenen Themen einen Text schreiben und sich mit anderen Schreiberlingen austauschen. Für diesen Freitag habe ich mir folgendes Thema herausgesucht:

„Beschreibe den letzten Traum, an den du dich erinnerst, so detailliert wie möglich.“

Da kramt man mal die alten Albtraum-Kamellen aus und schon hat man eine fertige Kurzgeschichte. Wer hätte gedacht, wofür die Notizen im Traumtagebuch mal gut sein würden… (und JA ich habe mal so ein verdammtes Ding geführt, weil ich dachte, wenn ich die alle mal miteinander verwurschtel, kommt ein richtig, richtig guter Stephen-King-Verschnitt raus 😀 Man wird ja wohl noch träumen dürfen…. *Pun intended*)

Viel Spaß beim Lesen!


So dunkel die Nacht

Man sagt, Träume zeigen dein verborgenes Ich. Wünsche, Ängste und Bedürfnisse, verhüllt von einem milchigen Schleier, der das Unterbewusstsein vom bewussten Wahrnehmen trennt. Doch nun bin ich hinter diesen Schleier geraten und fürchte, nie wieder herauszukommen.

Seit vielen Nächten schon irre ich durch Straßen und Stadtteile, Gefangene meines eigenen Unterbewusstseins. Kaum habe ich die Augen geschlossen, senkt sich die Dunkelheit auf mich herab, wie ein Vorhang, der fällt. Ich öffne die Augen und befinde mich in einer mir unbekannten Gegend, laufe Straßen entlang, die ich nicht kenne oder die mich nur vage an Orte erinnern, an denen ich schon einmal war. Fort ist mein Bett, mein Zimmer, meine Realität. Und doch wirkt alles hier so erschreckend real wie die kuschelweiche Bettwäsche, in der ich liege. Ich spüre, wie Verzweiflung mir die Luft abschnürt und sich Panik in jeder Faser meines Körpers breitmacht. Schon wieder hier! Schon wieder diese elende, bleierne Dunkelheit voller gesichtsloser Gestalten. Ich sehe mich um. Wie erwartet bin ich allein und bin ein wenig verzweifelt, weil ich nicht weiß, wo ich hin muss. Ziellos laufe ich los. Mein Weg führt mich zu einem Schacht, der über Treppen hinab in einen unterirdischen Fußgängertunnel führt. Es ist dunkel, eng und verwinkelt und ich fühle die Augen von Fremden, die sich in meinen Rücken bohren, aber ich erkenne nur schemenhafte Gestalten geduckt in den Schatten kauern. Ein kalter Schauer läuft meinen Rücken hinab, als ich vor mir eine Rolltreppe erblicke. Sie ist endlos lang, unangenehm steil und es dauert eine Ewigkeit, bis ich unten bei den U-Bahn-Gleisen ankomme. Währenddessen rollen U-Bahnen heran und verschwinden wieder, und ich spüre erneut ein nagendes Gefühl der Panik in mir, weil ich fürchte, meine Bahn zu verpassen. Schließlich muss ich ja wo hin, ungeachtet der Tatsache, dass ich nicht einmal weiß, wohin. Die Halle des U-Bahnhofs ist trotz ihrer immensen Größe nur in schummriges Licht getaucht, es wirkt schmutzig und nicht sehr vertrauenerweckend. Ich versuche, in eine der U-Bahnen zu steigen, ohne mir ganz sicher zu sein, welches Gefährt wo ankommt. Die Bahn, die ich schließlich auswähle, besteht nur aus einem einzigen Wagon, ein klappriges altes Teil mit getönten Fensterscheiben. Dort, wo sich eine Tür polternd hätte schließen müssen, ist nichts als gähnende Leere. Ruckelnd setzt sich die Bahn in Bewegung und gewinnt schnell an Geschwindigkeit. Niemand sieht, wohin es in diesen pechschwarzen Tunneln geht und bald schleudert der Wagen auf den Gleisen wild hin und her, sodass ich Mühe habe, mich festzuhalten. Ich kralle meine Finger in die Gummierung entlang der Fensterscheiben, mache mich auf meinem Sitz kleiner und kleiner und schließe voller Furcht die Augen. Wo ist die Tür, die mich vom Land der Träume in die Realität des Wachens zurückbringt?

Als ich die Augen wieder öffne, liege ich nicht wie erhofft in meinem Bett. Ich sitze noch in der Bahn, die jetzt gemächlich in einen Bahnhof einfährt. Schwere, milchig weiße Plastikvorhänge versperren die Sicht auf das gegenüberliegende Gleis. Blutig verschmiert erinnern sie mich an Schlachthöfe, deren Räumlichkeiten zum Aufhängen der Fleischmassen mithilfe solcher Planen abgesperrt sind. Unfähig, eine weitere Fahrt wie die bisherige zu ertragen, steige ich aus. Völlig rational abgewogen kann diese Entscheidung aber nicht sein, denn alleine auf einem Schlachthofähnlichen Bahnhofsgelände voller blutiger Plastikvorhänge zu stehen scheint mir nicht die beste Alternative zur Schleudertrauma-Bahnfahrt zu sein. Und tatsächlich irre ich auch eine Zeitlang zwischen den Plastikplanen und seltsamen von der Decke baumelnden Dingen in der Dunkelheit des Bahnhofes herum, ehe ich eine Plane zurückschlage, die den Weg zu einem hell erleuchteten Durchgang frei gibt.

Vor mir erstreckt sich eine weitere Halle, die stark nach Krankenhaus aussieht. Einzelne Untersuchungstische stehen kreuz und quer verteilt, Utensilien und sämtliches Gerät stehen vor einer kahlen, schmutzig gelben Wand. Ein Arzt werkelt eifrig an einem der Tische und paradoxerweise macht sich Erleichterung in mir breit. Ich steuere auf ihn zu, um mich in seiner Obhut auf körperliche Mängel untersuchen zu lassen. Der dubiose Mensch überprüft kurz meine Vitalfunktionen, nickt dann und erklärt mir, ich könne gleich anfangen. Mir ist schleierhaft, was er damit meinen könnte, lasse mich aber bereitwillig – fast wie eine Kuh beim Schlachter – durch eine Stahltür führen, die kleine, dunkle Zimmer mithilfe eines in Dämmerlicht liegenden Korridors zu verbinden scheint. Trotz der Enge eilen einige junge Krankenschwestern geschäftig an mir vorbei. Mir schwant plötzlich, was die Leute hier von mir wollen: Ich soll als Krankenschwester arbeiten, obwohl ich doch nie wieder dort arbeiten wollte! Völlige Überforderung macht sich in mir breit und verlangsamt meine Bewegungen. Weil ich nicht weiß, was ich tun soll, trage ich nervös einige Laken durch die Gänge und hoffe, nicht groß aufzufallen. Die Räume werden immer enger und die Laken in meinen Armen immer schwerer und als ich spüre, dass ich knöcheltief im Wasser stehe, schreit alles in mir nach der einen Tür, die mich zurückbringt.

Als ich dieses Mal die Augen wieder öffne, liege ich mitgenommen und verheult in meinem Bett. Draußen ist die Nacht noch dunkel. Meine Arme schmerzen und ich bin verschwitzt. Ganz so, als hätte ich Laken durch enge Krankenhausgänge getragen…


Text: Ida


Hier kommt ihr zu meinem letzten #WritingFriday–Beitrag:

#WritingFriday [1]: Die Fäden in der Hand


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17 thoughts on “#WritingFriday [2]: “So dunkel die Nacht”

  1. Hey Ida,

    oh wow, was für ein Gruseltext. 😀 Der ist wirklich Stephan King like. 😉 Ich bin begeistert, du solltest dich in diesem Genre wirklich mal austoben. Obwohl ich solche Bücher und Filme nur ungern lese und ansehe, bemerkte ich doch ein gewisses Potenzial. 😀

    Liebe Grüße
    Ella

    P.S. Wenigstens bin ich nicht die Einzige die solch schräge Träume hat. ^^

    Liked by 2 people

    1. Vielen Dank! Vielleicht sollte ich das wirklich mal ausprobieren, genug Stoff zum Verarbeiten habe ich auf jeden Fall 😀 Ich fürchte nur meist, dass es nicht so gruselig rüberkommt wie es sich im Traum angefühlt hat… aber da kann man ja noch dran arbeiten 😉
      Irgendwie ist es schon beruhigend, dass es auch andere Leute gibt, die seltsame Dinge träumen.

      Liebe Grüße zurück!

      Liked by 1 person

      1. Daran kann man auf jeden Fall arbeiten und ein Versuch ist es allemal wert. 😄
        Ja, das denke ich mir auch immer. Bei der Blogtour Seele aus Eis haben wir auch über Träume berichtet, dass war mega interessant. 😊

        Liebe Grüße
        Ella ❤

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    1. Hallo liebe Janika,

      Tja nun, genau diese Frage stelle ich mir auch so oft 😀 Für Albträume ist es offenbar absolut nicht hilfreich, wenn man auch noch eine blühende (und eher dunkle) Fantasie hat. Nachdem ich mit dem Text fertig war, dachte ich mir eigentlich: “Also der nächste Text muss unbedingt ein bisschen fröhlicher werden!” 😀

      Liebe Grüße!

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  2. Hallo Ida, unglaublich gut geschrieben! Da steckt wohl ein kleiner King in dir 😀 deine Träume möchte ich da nicht unbedingt träumen 😀 aber ist schon krass an wie viel man sich danach noch erinnern kann 😀

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    1. Ich danke dir! 🙂 Meist vergesse ich meine Träume danach relativ schnell wieder, deshalb schreibe ich sie manchmal direkt auf. Allerdings bin ich auch oft zu faul, mitten in der Nacht aufzustehen, deshalb gehen sehr, sehr viele Träume auch ‘verloren’. Aber egal wie viele Jahre vergehen, an die Traumbilder kann ich mich trotzdem noch 100-prozentig erinnern. Ganz schön gruselig 😀

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    1. Freut mich, dass es dir gefällt. 🙂 Dann hat es sich ja sehr gelohnt, die alten Albträume wieder vor zu kramen 😉 Und Spaß hat es kurioserweise auch gemacht, auch wenn der Traum an sich echt nicht ohne war 😀
      Liebe Grüße!

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      1. Es hat sich tatsächlich gelohnt und ich kann mir gerne vorstellen, dass dieser Traum heftig war. Ich mag zwar Horror und Mystery – aber ich will es nie erleben. Liebe Grüsse

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  3. Hallo Ida,
    unglaublich geschrieben, was für ein Traum, das ist Horror pur. Ich sehe diese Bahn, die Station und das Krankenhaus tatsächlich vor mir und es gruselt mich. Hoffentlich war es nur ein Traum…

    Ida, ich hab dich im meine Blogroll aufgenommen, damit ich keinen Beitrag verpaße!

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    1. Hallo liebe Daniela!

      Danke für deinen lieben Kommentar. Es war zum Glück nur ein Traum, auch wenn es sehr real wirkte 😉
      Wow, das freut mich total! Ich hoffe, ich kann der Erwartung gerechnet werden. 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida

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