Ida schreibt

#WritingFriday [1]: “Die Fäden in der Hand”

Hallo ihr Lieben!

Die liebe Elizzy vom Blog readbooksandfallinlove hat die Aktion #WritingFriday ins Leben gerufen, bei der jeder Teilnehmer zu einem ihrer vorgegebenen Themen einen Text veröffentlichen darf, um damit das kreative Schreiben zu üben und wieder die Freude am Schreiben zu finden. Für diesen Freitag habe ich mir folgendes Thema herausgesucht:

„Erzähle von einem Moment, der den weiteren Verlauf deines Lebens fundamental hätte verändern können.“

Was ich diesmal gelernt habe? Schreiben ist heilsam. Und nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!


Die Fäden in der Hand

Manchmal blicke ich zurück und frage mich, was wohl gewesen wäre. Was wäre gewesen, hätte das Schicksal, der Strippenzieher meines Lebens, im entscheidenden Moment nur die winzigste Kleinigkeit geändert. Wäre ich noch hier, wenn die grüne Wiese ein Wald voller im Wind rauschender Bäume gewesen wäre? Oder die Straße gesäumt von Leitpfosten oder Leitplanken? Säße ich jetzt hier?
Manchmal, wenn ich an diesen einen Moment zurückdenke, sehe ich nur grün. Dunkles Grün, helles Grün, und die Luft um mich herum aufgeladen, zum Schneiden dick. Es ist seltsam, wie viel ein einzelner Moment ausmacht. Mein Entschluss, das Leben zu genießen, das Leben zu lieben, jeder Herzschlag voll unbändiger Lust zu leben, zu spüren, zu wagen. Ich weiß noch, Wochen danach kam ich heim zu dir und ich weinte. Ich weinte um alles, was ich fast verloren hätte. Grün, so viel Grün und so viel Angst. Ich hatte nie wieder solche Angst. Manchmal blicke ich zurück und kann nicht anders als zu denken: Wie schnell alles geht. Und doch, in diesem Moment, vergingen für mich Minuten, Stunden, Tage. Die Zeit war Kaugummi, ich war hier und ich war morgen und gestern zugleich. Und immer nur grün, und das Innere des Autos so brüllend heiß wie ein Ofen.
Ja, manchmal denke ich, es musste so kommen. Wie sonst hätte ich meinen Weg wieder finden sollen? Wie sonst hätte ich in meinem Hamsterrad erkennen sollen, dass es ein Privileg ist zu atmen, zu fühlen, zu weinen und zu lachen, am Leben zu sein? Man kann viel glauben, ob an Gott oder Schicksal oder an die Fäden, die man selbst in der Hand hält. Aber an diesem warmen Tag im August, an dem die Sonne auf uns kleine Menschen herabstrahlte und die beste Aussicht hatte auf das, was dort geschah, da hatte ich keine Fäden in der Hand. Schreie im Kopf und Furcht in jeder Faser meines Körpers, ja, aber keine Fäden in der Hand. Aber ich bin dankbar. Denn als das Auto nach dem Schleudergang des Grauens endlich still lag, und endlich, endlich nur noch Stille herrschte, furchtbare Stille und dann erleichterte Stille durchbrochen von Stimmengewirr, hatte ich die Fäden wieder.
Und ich kämpfte mich aus dem Grün heraus, aus der rauchgeschwängerten Luft, aus dem auf dem Kopf liegenden Auto. Die Wiese war saftig grün an diesem Nachmittag, trotz der Wärme. Die Sonne strahlte, und vier Menschen standen blass und wie durch ein Wunder unbeschadet am Rande einer italienischen Autobahn und hielten sich so fest, als fürchteten sie, auseinanderzudriften und einander niemals wiederzufinden. Denn die Welt hatte aufgehört, sich zu drehen und drehte sich doch weiter. An diesem Nachmittag schickte uns das Schicksal auf diese Wiese mitten in Italien. Und als ich heim kam zu dir und die Narben langsam begannen zu verblassen, atmete ich tief ein, sah ins tiefe Grün um mich herum und fing an zu leben.


Text: Ida

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17 thoughts on “#WritingFriday [1]: “Die Fäden in der Hand”

      1. Gern.
        Ich finde es auch immer befreiend, über solche Themen zu schreiben. Die meisten meiner früheren Gedichte und Geschichten beinhalten Themen, die mich traurig machten. Danach fühlte ich mich aber auch immer befreit. Es war wie eine Art Therapie.

        Freut mich, dass es sich für dich gelohnt hat.

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  1. Liebe Ida, ich hatte gerade wirklich eine Gänsehaut! Ein sehr persönlicher und emotionaler Text – einfach nur wundervoll! Ich finde du hast eines der schwierigeren Themen gewählt, denn hier wird es doch sehr persönlich. Und du hast das unglaublich gut gemeistert!

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    1. Ich danke dir liebe Elizzy! Ich habe ehrlich gesagt lange überlegt, ob ich genau das Thema nehme, aber nachdem ich beim Durchlesen der Themen schon einen Einstiegssatz dafür im Kopf hatte, blieb mir eigentlich nichts anderes übrig 😉 Ich danke dir, dass du diese tolle Aktion gestartet hast. Ich fühle mich ein bisschen erleichtert, dass ich dieses Kapitel noch einmal geöffnet habe. Es war schwer, hat aber gut getan 🙂

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      1. Das sind schon mal sehr gute Voraussetzungen, wenn man weiss wie man beginnen möchte. Ich möchte dir danken, dass du uns einen Einblick in dein Leben gewährt hast! ❤

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  2. Liebe Ida,

    was für ein toller Text und was für ein Gänsehaut bringendes Erlebnis. Solch eine Erfahrung verändert, dass kann ich mir nur allzu gut vorstellen, vielleicht auch, weil ich ein klein wenig nachvollziehen kann. Bei mir war es kein Auto, aber ein Segelboot und viel zu viel Wasser. Das Leben ist schön und man sollte es jede Sekunde genießen. Ich freue mich deine nächsten Texte.

    Alles Liebe
    Ella ❤

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    1. Liebste Ella, danke für deinen lieben Kommentar! Da hast du recht, man ist nicht mehr dieselbe und sieht vieles in einem anderen Licht. Und man hat noch lange danach mit verschiedensten Ängsten zu kämpfen, als wäre der Unfall an sich nicht schon schlimm genug. Aber oh mein Gott, dann auch noch im Wasser! Da graust es mich schon wenn ich nur dran denke.. Und was lernt man daraus? We du schon sagst: wirklich jede Sekunde schätzen, die man erleben darf.
      Liebste Grüße,
      Ida

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  3. Hallo Ida,

    einfach nur wow… mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ich war noch nie in so einer Situation, aber ich kann es mir nun lebhaft vorstellen… Unglaublich atmosphärisch geschrieben.

    Danke, dass du dieses sehr persönliche Erlebnis mit uns geteilt hast.

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    1. Danke dir, liebe Daniela!
      Freut mich, dass es dir gefallen hat. 🙂 Manchmal hilft es sehr, einfach über solche Situationen zu schreiben und in Gedanken noch einmal zurück zu gehen. Ich bin froh, dass ich die Atmosphäre dieses Moments entsprechend rüberbringen konnte.

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