Graphic Novel · Idas Regal der ausgelesenen Bücher

Lewis Carroll: Alice im Wunderland (Schmuckausgabe)

„Aber ich mag nicht zu verrückten Leuten gehen“, bemerkte Alice.
„Oh, das kannst du nicht ändern“, sagte die Katze. „Wir sind alle verrückt hier. Ich bin verrückt. Du bist verrückt.“

Alice im Wunderland, S. 122

Alice im Wunderland – das war ein Klassiker, den ich unbedingt in diesem Jahr noch gelesen haben wollte. Die Geschichte von dem kleinen, blondgelockten Mädchen, das einem sprechenden Kaninchen mit Handschuhen, Fächer und Uhr in seinen Bau folgt und so den Weg ins fantastische Wunderland findet, kennt heutzutage beinahe jeder. Ich hatte zwar die Zeichentrickadaption von Walt Disney und die Verfilmung mit Johnny Depp und Mia Wasikowska gesehen, wollte aber unbedingt einmal das Buch lesen.

Schmuckausgabe: Illustriert von Benjamin Lacombe

Und da war es ein Glück, dass ich letztes Jahr mitbekam, dass es eine ins Deutsche übersetzte Schmuckausgabe geben würde, illustriert von meinem liebsten Illustrator Benjamin Lacombe. Seit letztes Weihnachten hat dieses wunderschöne Buch also geduldig auf meinem Bücherregal ausgeharrt, während ich auf den perfekten Lesemoment dafür wartete. Letzte Woche (für mich der Beginn der Vorweihnachtszeit) war es dann endlich soweit: Ich kuschelte mich auf meinem Lieblingssessel ein, und mit einer großen Tasse Tee in der Hand, schlug ich die erste Seite auf und folgte Alice mit einem waghalsigen Sprung in den Kaninchenbau.

Und Leute, was war das für ein Trip! Im Grunde ist es die verwirrendste Wirrwarr-Geschichte, die ich je gelesen habe – aber das im positiven Sinn. Ich musste immerzu denken: Lewis Carroll muss damals so viel Spaß gehabt haben, als er sich diese Geschichte ausdachte. Und: ich würde mir zu gern ein wenig von seinem Fantasiereichtum leihen.

Seit der Veröffentlichung des englischen Originals „Adventures in Wonderland“ im Jahre 1865 hat es viele Interpretationsansätze gegeben, in dem Versuch, die verwirrenden Motive in der Geschichte zu deuten. Klar, bei all den witzigen, seltsamen Geschehnissen und Unterhaltungen, die Alice mit den Bewohnern von Wunderland führt, kann man nicht anders als sich zu fragen: was hat das zu bedeuten? Ist hinter all dem Nonsens eine tiefere Bedeutung versteckt, die möglicherweise etwas mit dem Autor selbst zu tun haben kann? Als ich das Buch jedoch beendet hatte, dachte ich mir: Eigentlich ist das alles ganz normal, wenn man bedenkt, dass es ein Traum war, den Alice hatte. Selten sind Träume sinnvoll strukturiert. Wenn man träumt, erscheint alles, was im Traum geschieht, völlig normal und logisch ist. Wacht man allerdings auf und lässt den Traum Revue passieren, ergibt gar nichts mehr davon Sinn, alles wirkt konfus und wirklich sehr, sehr zusammenhanglos. So ging es auch Alice: denn obwohl sie sich stets wundert, was mit ihr passiert, kommt es ihr auch seltsam normal vor.


Alice6


Hinzu kommt noch der unschlagbare Wortwitz, der wundervollerweise in der deutschen Übersetzung nicht verloren ging (ein großes Danke an die wundervolle Übersetzerin Antonie Zimmermann). Ich musste stellenweise aufpassen, dass ich nicht meinen gesamten Tee über den Buchseiten verteile, weil ich so lachen musste. Hier habt ihr ein kleines Beispiel:

„Und wieviele Schüler wart ihr in einer Klasse?“, fragte Alice schnell, um das Thema zu wechseln.
„Zehn am ersten Tag“, sagte die Falsche Suppenschildkröte, „neun am nächsten und so fort.“
„Was für eine merkwürdige Einrichtung!“, rief Alice aus.
„Das ist der Grund, warum man Lehrer hat, weil sie die Klasse von Tag zu Tag leeren.“ (
S. 178)

Ich liebe Wortspielereien, und wenn sie auch noch in der Übersetzung erhalten bleiben, ist das für mich schon nah dran am Himmel auf Erden. Ich meine, lest euch nur mal diesen Ausschnitt durch und sagt mir, dass ihr dabei nicht wenigstens schmunzeln musstet:

„Hier brach eins der Meerschweinchen in Beifallsrufe aus, was sofort von den Gerichtsdienern unterbunden wurde. (Da dies ein etwas schweres Wort ist, so will ich beschreiben, wie das Unterbinden vor sich geht. Die Gerichtsdiener hatten einen großen Sack zur Hand, mit Schnüren zum Zusammenbinden. Und da wurde das Meerschweinchen hineingesteckt, den Kopf nach unten, und dann setzten sie sich darauf.)“  (S. 204)

Der Stil dieser Art zu Erzählen ist vielleicht wirklich nicht für jeden etwas, vor allem, wenn es einen verrückt macht, keinen Sinn in der Geschichte zu erkennen (und das von der ersten Seite bis zur letzten). Aber es hat genau meinen Nerv getroffen, und begleitet von der wundervollen Aufmachung des ganzen Buches konnte ich nicht anders, als mich in das ganze Ding zu verlieben.

Und dann noch die Illustrationen, meine Lieben! Mein Gott! Unfassbar schön. Wenn ihr meine Rezension zu der von Benjamin Lacombe illustrierten Kurzgeschichtensammlung „Unheimliche Geschichten“ von Edgar Allan Poe gelesen habt, dann kann ich euch nur sagen: es ist genauso schön gemacht wie die Gruselsammlung. Außen ein Cover mit golden geprägter Schrift, einer kleinen Alice und schönem, schwarzen Relief auf einem petrolfarbenen Hintergrund. Der Buchrücken, den schwarze Schrift und Ranken zieren, ist eingefasst in dunkelrotem Leinenstoff. Es ist ein Märchenbuch, so schön und liebevoll aufgemacht, wie man es sich nur wünschen kann. Abgesehen von den detailreichen und absolut niedlichen Illustrationen im Buch liebe ich, dass einige Seiten zum Aufklappen sind: plötzlich kann man mit ansehen, wie Alice im wahrsten Sinne des Wortes den Rahmen des Buches sprengt, als sie nach dem Verzehr des Pilzes unkontrolliert in die Höhe wächst.

Schön finde ich übrigens auch, dass das Buch nicht nur die Geschichte von Alice enthält, sondern Hintergrundinformationen zur Geschichte und ihren Autor sowie den Illustrator bietet. Auf diese Weise wird es möglich, die Geschichte im Kontext ihrer Zeit zu betrachten, und so auch den Autor Lewis Carroll, dessen wahrer Name Charles Dodgson lautet, näher kennenzulernen.


Alice4


Die kleine Alice hat mir eine einzigartige und wundervolle Lesereise ermöglicht, und dieses Buch ist ein wahrer Schatz – bestimmt auch toll, wenn man es Kindern vorliest (die können dann die Illustrationen bewundern, während sie dieser aberwitzig verwirrenden Geschichte lauschen).



In diesem Sinne: habt ein aufregendes Wochenende (und immer aufpassen, wohin ihr dem Kaninchen folgt)!



„Verquerer und verquäster!“, rief Alice. (Sie war so überrascht, dass sie im Augenblick gar nicht merkte, dass es das Wort gar nicht gibt) „Jetzt werde ich auseinandergeschoben wie das längste Teleskop, das es je gab! Lebt wohl, Füße!“

Alice im Wunderland, S. 40

 


Autor:   Lewis Carroll
Titel:     Alice im Wunderland
Zusatz:  Schmuckausgabe mit Illustrationen von Benjamin Lacombe
Verlag:  Verlagshaus Jacoby & Stuart
Jahr der Veröffentlichung: 2016; das englische Original „Alices Adventures in Wonderland“ erschien bereits 1865
Seiten:   266


Advertisements

4 thoughts on “Lewis Carroll: Alice im Wunderland (Schmuckausgabe)

  1. Huhu,
    genau dieses Buch steht auch schon ewig auf meiner Leseliste. Aber irgendwie dachte ich es wäre noch gar nicht draußen. Da hab ich wohl nicht richtig auf das Datum geachtet. Ich habe Alice im Wunderland vor Jahren mal gelesen und möchte das unbedingt wieder tun.
    Deswegen wird meine erste Bestellung im nächsten Monat auf jeden Fall dieses Buch sein. Zum Glück hab ich deinen Blogpost gefunden der mich darauf aufmerksam gemacht hat 🙂
    Liebe Grüße
    Lee.

    Liked by 1 person

    1. Huhu liebe Lee!
      Das freut mich richtig 🙂 Alice im Wunderland ist auch so eine tolle Geschichte, ich habe mich fast geärgert, dass es so lange gedauert hat, bis ich die Geschichte tatsächlich mal gelesen habe.
      So wie dir ging es mir mit dem zweiten Teil, “Alice im Spiegelland”. Der ist auch schon draußen und steht seit Kurzem auch auf meiner Liste, auch wenn die illustrierte Edition eben ziemlich teuer ist. Aber wenn man sich die Aufmachung ansieht, lohnt es sich allemal.
      Liebste Grüße zurück,
      Ida

      Liked by 1 person

    1. Thank you so much for your kind comment! 🙂
      It is a wonderful book and a wonderful name, so naturally it deserves various editions. 😉
      I would love to pay you a visit – so look out for me leaving tiny digital footprints on your blog!
      Lots of love,
      Ida

      Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s