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Rezension | Bram Stoker: Dracula (1897)

Diese Kraft, die Ihrem Wohl und dem anderer zugute kommt, haben Sie sich aus dem Leid erworben, das er Ihnen zugefügt hat. Alles ist dadurch so besonders wertvoll für uns, weil er davon nichts ahnt und sich aus Gründen des Selbstschutzes selbst von der Kenntnis unserer Gedanken abgeschnitten hat. Wir dagegen sind nicht nur blind auf den eigenen kurzfristigen Vorteil bedacht, und wir glauben daran, daß Gott durch all diese Finsternis und in den dunklen Stunden immer bei uns ist. – S. 487

Lange bevor Vampire populär wurden und in Jugendbüchern glitzernd von Baum zu Baum sprangen und gutaussehend, unsterblich und blutsaugend über die Fernseher flimmerten, gab es den einen ursprünglichen Vampir, mit dem alles begann: Dracula.

Vielfach verfilmt und anderweitig aufgeführt ist Dracula von Bram Stoker der erste Dracularoman der Weltliteratur und erzählt im Stil eines Briefromans davon, wie Graf Dracula versucht, im London des 19. Jahrhunderts Fuß zu fassen und als ein Schrecken der Nacht vornehmlich junge Frauen blutleer zurücklässt. Eine Gruppe entschlossener Männer und eine junge Frau bemühen sich im Laufe des Romans darum, das grausige Handwerk des un-toten Grafen zu legen, und geraten dabei selbst in Lebensgefahr. Unter der Leitung des Holländers Dr. Van Helsing wird nichts unversucht gelassen, um die Menschheit vor dem blutsaugenden und moralisch verwerflichen Vampir zu retten.

Bram Stokers’ Dracula ist, wie man es bereits von anderen Romanen aus dem Viktorianischen Zeitalter kennt (beispielsweise Mary Shelleys’ Frankenstein oder R. L. Stevensons’ Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde), ein Gothic Novel im Briefromanstil. Die Auflistung von Briefen und Protokollen, die das Geschehene in all ihrer Dringlichkeit aufzeichnen, trägt auf unvergleichliche Art und Weise zur Glaubhaftigkeit der Handlungsabläufe bei. Dracula ist einer jener Romane, die beinahe alle Eigenschaften und Merkmale aufweisen, die das Genre des Gothic Novel auszeichnen: Ein herrschaftliches, altes Anwesen, das einer eindrucksvollen, gothischen Ruine gleicht und in dem verwinkelte Gänge und verschlossene Türen die Existenz düsterer Geheimnisse erahnen lassen. Hier lebt Graf Dracula, eine typische Figur des Gothic Novel – ein mächtiger und mysteriöser Mann, den Geschehnissen umgeben, die nicht normal scheinen und die mit normaler Logik nicht erklärt werden können. Dann gibt es natürlich auch die typische Dame in Nöten, die den Mächten des Bösen ausgeliefert ist und nur von rechtschaffenen Helden gerettet werden kann, die dem Paranormalen trotzen und mithilfe religiöser Hilfsmittel (Kruzifix, geweihtes Wasser, Hostien, …) den Sieg des Guten über das Böse erringen können.

Ich hatte vor zwei Semestern ein Hauptseminar in der Anglistik, die sich mit literarischen Werken des 19. Jahrhunderts, in der Blütezeit der Viktorianischen Ära auseinandersetzt. Dort erfuhr ich am Rande auch ein wenig über die typisch melodramatischen Züge einige dieser Werke, und genau das habe ich auch in Bram Stokers Dracula wiedergefunden. Da ich den Plot rund um Graf Dracula schon einigermaßen gut kannte, war das Lesevergnügen auf andere Dinge gerichtet als auf die Spannung, was das nun für ein Wesen sein könnte, das blutsaugend sein Leben verlängert und damit seine Seele verkauft. Ich selber finde es eher mehr amüsant als schaurig, wenn melodramatische Aussprüche und Handlungsbeschreibungen auftauchen, aber genau das finde ich gleichzeitig auch so spannend. Mit meinem jetzigen, modernen Erwartungshorizont des 21. Jahrhunderts hat dieses Buch eine andere Wirkung auf mich als auf jemanden, der im 19. Jahrhundert lebte und damit in einer Zeit, in der Jack the Ripper die ärmlichen Gebiete in London unsicher machte, einer Zeit, in der jeder das Mysteriöse fürchtete und Erklärungen im Paranormalen Schauer des Entsetzens über die Rücken der Leser jagen mochten.

Für alle Liebhaber dieses Genres ist Dracula ein Muss – und ich ärgere mich selbst ein wenig, dass ich dieses Buch nicht auf Englisch gelesen habe (- aber was soll man machen, wenn die deutsche Version schon daheim herumliegt…), aber das ist Jammern auf hohem Niveau! Denn auch die deutsche Fassung ist sehr gut gemacht, sodass weder bestimmte Dialekte der Seefahrer, noch die melodramatischen Züge dieses Romans verloren gehen.


Autor:   Bram Stoker
Titel:     Dracula
Verlag:  Bastei Lübbe
Jahr der Veröffentlichung: 1897
Seiten:   539


 

9 thoughts on “Rezension | Bram Stoker: Dracula (1897)

  1. Ich liebe solche Beiträge über klassische Literatur – besonders, wenn es sich dabei auch noch um die klassischen Schauergeschichten dreht! 🙂
    Auch bei mir darf Dracula nicht in meiner Sammlung an Schauer- und Gruselgeschichten fehlen. Wobei ich da leider sagen muss, dass mich das Ende ein wenig enttäuscht hat, oder eher gesagt das finale Auftreten Draculas selbst.. ABER das Buch hat auch seine Wirkung bei mir nicht verfehlt und ist der Klassiker in diesem Genre schlechthin!

    Danke, für diesen tollen Beitrag – ich lasse ganz liebe Grüße da
    Natascha 🙂

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar liebe Natascha!
      Ja, das Ende…. es war mir dann tatsächlich auch ein bisschen zu plötzlich und ein bisschen zu unspektakulär, aber wahrscheinlich bin ich auch von heutigen Thrillern oder Horrorbüchern verwöhnt 😀
      Ich glaube, ich komme auch nicht drum herum, irgendwann einmal die englische Fassung zu lesen und dann endgültig mein Resümee zu ziehen.
      Ganz liebe Grüße!
      Ida 🙂

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  2. Hey,
    Dracula hat mir auch sehr gut gefallen! Bei manchen Klassikern merkt man einfach, warum sie zu Klassikern wurden! 😉

    Ich habe dich übrigens auf meinem Blog für den “Mystery Blogger Award” nominiert. Kannst ja mal vorbeischauen. Ich würde mich freuen deine Antworten auf die Fragen zu lesen.

    Liebe Grüße
    Ricy

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    1. Hi Ricy,

      Da hast du absolut recht! 🙂
      Vielen lieben Dank für die Nominierung – ich werde mich so bald wie möglich daran setzen und deine Fragen beantworten. Dadurch komme ich endlich einmal dazu, wieder fremde Blogs zu durchstöbern! Dankeschön 🙂

      Liebste Grüße,
      Ida

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  3. Und hiermit wurde ich vollends überzeugt, diesen Klassiker auf endlich mal zu lesen! Vielen Dank! 😉

    Die Briefromanform finde ich ja sehr spannend – wird die konsequent von Anfang bis zum Ende durchgehalten? Sprich: Keine normalen Dialoge etc.?

    LG Lea-Sophie

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    1. Wundervoll! So schön, wenn jemand den Klassikern eine Chance gibt (auch wenn nicht alle Klassiker gleich sind, was das Lesevergnügen angeht :D). Ich kann es dir nur ans Herz legen. 🙂

      Stell dir das Buch am besten wie eine Sammlung aus Tagebucheinträgen und Briefen, die von allen Protagonisten geschrieben und gelesen werden. Die Tagebucheinträge sind mitunter sehr detailliert, man hat also auch viel Dialog mit dabei. Deshalb liest es sich auch sehr angenehm.
      Ich bin so gespannt, wie es dir gefällt! 🙂

      LG, Ida

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      1. Ich muss ehrlich zugeben, dass mich Klassiker früher auch kaum begeistern konnten… Aber ich wage mich da freiwillig dran, also kein Zwang von der Schule aus oder so, das macht’s einfacher! 🙂
        (Andere Klassiker-Empfehlungen? Immer her damit!)

        Danke, darunter kann ich mir jetzt eindeutig mehr vorstellen! Und das klingt wirklich super gut! Ich werde dir dann auf jeden Fall berichten, wie mir das Buch gefallen hat. 😀

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      2. Bei mir hat das mit den Klassikern auch erst mit dem Studium angefangen – aber wie gesagt, ich kann auch nicht mit allem etwas anfangen, es bleibt Gechmackssache. Mir hat es eindeutig geholfen, dass ich mich in meinen Kursen mit den Hintergründen der jeweiligen Klassiker auseinandersetzen musste, und das ist es, was mich daran am meisten fasziniert.

        “The Picture of Dorian Gray” von Oscar Wilde habe ich zum Beispiel auch sehr ins Herz geschlossen, oder “Frankenstein” von Mary Shelley. 🙂

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