Fantasy / Fiktion · Idas Regal der ausgelesenen Bücher

Rezension | Walter Moers: Der Schrecksenmeister (2007)

„Du kannst sprechen?“, fragte er. „Dann bist du gar keine gewöhnliche Katze, sondern ein Krätzchen. Eines der letzten Exemplare deiner Gattung.“ Eißpins Augen verengten sich kaum merklich. „Wie wäre es, wenn du mir dein Fett verkaufst?“
„Das ist mächtig komisch, Herr Stadtschrecksenmeister“, erwiderte Echo höflich. „Macht ruhig Eure Scherze über einen, der mit einer Pfote im Grab steht, denn ich habe etwas übrig für schwarzen Humor. Sehr mir aber bitte nach, dass ich darüber im Moment nicht lachen kann. Mir ist das Lachen im Halse stecken geblieben, und da habe ich es runtergeschluckt, weil ich so großen Hunger habe.“ (S. 12)

Der fünfte Band der Zamonien-Reihe von Walter Moers spielt in der kleinen Stadt Sledwaya, in der es vor Krankheit und Gebrechen nur so strotzt. Dort begegnen wir dem kleinen Krätzchen Echo, das nach dem Tod seiner Besitzerin selbst dem Hungertod nahe ist. Doch zum Glück – oder Unglück? – kreuzt der unheimliche Schrecksenmeister Succubius Eißpin seinen Weg und bringt Echo in seiner Not dazu, einen Vertrag mit ihm abzuschließen: Einen Monat lang soll die Kratze von Eißpin mit den schmackhaftesten Gerichten gemästet werden, und im Gegenzug soll Echo nach Ablauf des Monats sein Leben lassen, damit Eißpin sein seltenes Kratzenfett zu seiner Fett-Sammlung hinzufügen kann. So beginnt für Echo ein ereignisreicher Monat, voller raffinierter Leckerbissen und bewusstseinserweiternder kulinarischer Erfahrungen (denn wer würde nicht gerne mal wissen, wie es ist, eine blutschlürfende Ledermaus, eine Gnorkx-huldigende Dämonenbiene oder ein kiemenatmender Lachs zu sein), voller Rätsel und Geheimnisse der Alchimie, voller Schrecken und seltsamer Begebenheiten im Schloss von Eißpin. Doch Echos Ende rückt immer näher, und mithilfe verschiedener neuer Freunde versucht er den Klauen des mit Eißpin geschlossenen Vertrages zu entkommen. Und da es sich um eine Geschichte aus Zamonien handelt, stellt sich dem Leser stets die Frage: Ist es ein klassisches Zamonisches Märchen mit klassischem tragischen Ende? Oder wird ein einfaches Krätzchen über einen einflussreichen und gefährlichen Alchimisten siegen?

Der Schrecksenmeister ist wieder einmal eine überragende Geschichte von einem überragenden Geschichtenerzähler. Die pfiffigen Dialoge, der tiefschwarze Humor, die sprachlichen Spielereien und ein Märchen, das sich gewaschen hat – Walter Moers hat auch mit diesem Zamonienroman alle Erwartungen erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen. Schon allein das Setting dieser Geschichte, ein Ort voller in Krankheit dahin siechender und mit Vorliebe Apotheken aufsuchender Leute – allein die einleitende Beschreibung der Stadt Sledwaya war so erfrischend ungewöhnlich und witzig, dass ich wusste: dieses Buch wird wieder richtig gut. Der Leser, der sich bereits vor Der Schrecksenmeister unter der Führung von Moers durch Zamonische Gefilde begeben hat und an der Seite von Käpt’n Blaubär, Ensel und Krete, Rumo, ja selbst an der Seite der Prominenz persönlich, Hildegunst von Mythenmetz, wilde Abenteuer ganz nach zamonischem Brauch erlebte, trifft auch hier wieder auf altbekannte zamonische Wesen: Laubwölfe, Schrecksen, selbst das gefürchtete Zamomin hat seinen eigenen kleinen Auftritt. Es ist, wie jedes Mal, ein Gefühl wie bei einem Klassentreffen, nur ohne das schlechte Gefühl am Ende, dass die anderen schon viel mehr erreicht haben als man selber. Denn in Zamonien, da war man selbst dabei, man hat quasi selbst an den Köstlichkeiten geknabbert, die Echo aufgetischt werden, man war mit auf dem verrückten Dach und bestaunte eine Wanne voll süßer Sahne – man nimmt schon allein vom Lesen zu! Ich habe Tränen gelacht und mich sehr über Fjodor F. Fjodor amüsiert, der mit Vorliebe mit Fremdwörtern um sich schmeißt, ohne sie richtig zu beherrschen und viele Sätze auf urkomische Art und Weise völlig verdreht. Aber auch die begleitenden Zeichnungen sind großartig und bebildern das Geschehen auf einzigartige Art und Weise. Der zamonische Roman birgt viele kleine Schätze in sich, wenn man nur aufmerksam genug liest und sich nicht die kleinste Kleinigkeit entgehen lässt. Ich denke, es ist auf jeden Fall ein Vorteil, wenn man schon ein wenig bekannt ist mit Zamonien und seinen Einwohnern sowie der Erzählweise von Moers, damit einem so wenig wie möglich von diesem erzählerischen Feuerwerk entgeht.

Wie immer – dringende Leseempfehlung von meiner Seite!


Autor:   Walter Moers
Titel:     Der Schrecksenmeister
Reihe:    Zamonien (#5)
Verlag:
  Piper Verlag

Jahr der Veröffentlichung: 2007
Seiten:   383


 

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