Idas Teekränzchen · Lesemarathon

Idas Teekränzchen #2 | Lesemarathon im August

Die Idee, einmal selbst bei einem sogenannten Lesemarathon mitzumachen, hatte ich schon seit Langem – mir fehlte nur genau das, woran es üblicherweise bei der Umsetzung schöner Dinge mangelt: Zeit. Während des Semesters war es schwierig, sich diesen Spaß einmal zu erlauben, denn das Prinzip eines Lesemarathons lautet: Wenn die Uhr Mitternacht schlägt, beginnst du zu lesen, und liest und liest und liest, bis erneut Mitternacht ist – in diesen 24 Stunden versucht man also so viel zu lesen wie nur möglich. Frisch aus dem Urlaub heimgekommen und das Wichtigste erledigt (Klausuren, Hausarbeiten, Arzttermine, Arbeit), hatte ich genau einen Tag, der wie ein goldener Knopf zwischen vielen dunkelblauen aufleuchtete, perfekt für einen Tag voller knisternder Seiten, mächtiger Worte… gefüllt mit purem Lesevergnügen. Ich beschloss, es durchzuziehen – und war voller aufgeregter Vorfreude.

Um Punkt 0:00 Uhr kuschelte ich mich mit meinem Bettzeug auf dem Sofa ein (mein Freund hätte mir was gehustet, wenn ich die ganze Nacht hell erleuchtet im Bett neben ihm gelesen hätte). Mein Lesemarathon begann auf Seite 181 des kulinarischen Märchens aus Zamonien, Der Schrecksenmeister von Walter Moers, welches ich vor wenigen Tagen begonnen hatte zu lesen. Was kann ich euch sagen? Es war ein großartiges Gefühl. Einfach nur lesen, mitten in der Nacht, während die Zeiger auf der Uhr immer weiter vorrückten, wissend, dass der Rest der Welt schläft. Allerdings bin ich auch keine 16 mehr, wo durchzechte Nächte kein großes Ding und Augenringe noch eine Auszeichnung und keine Bestrafung sind, und um 2:10 kroch ich völlig geplättet zurück ins Bett.

Um 9 Uhr ging mein Lesemarathon weiter, nachdem ich gemütlich gefrühstückt hatte und einkaufen gefahren war. Das Sofa war tierisch bequem, und um elf Uhr vormittags, einige Lachtränen später, hatte ich „Der Schrecksenmeister“ ausgelesen. Um das Buch noch ein bisschen wirken zu lassen, beschloss ich für eine Weile Brot-Rezepte zu durchstöbern und einen Brotteig anzusetzen. Zur Überbrückung der Wartezeit auf das selbstgebackene Brot las ich Die Rosenbaum-Doktrin und andere Texte von Wolfgang Herrndorf, ein kleines, 67-seitiges Büchlein mit verschiedensten kleinen Texten des Autors von „Tschick“. Es war ein sehr kurzweiliges Vergnügen und erinnerte mich an die tolle Zeit, die ich während des Lesens von „Tschick“ hatte – es war wirklich ein einmalig schönes Buch.

Das Wetter war an diesem Tag sonnig und warm, und da ich in meiner Dachgeschosswohnung nicht persönlich miterleben wollte, wie – eventuell – ein Hobbit mit haarigen Füßen an mir vorbei hetzt und einen Ring in mein Waschbecken schmeißt, packte ich mir eine Tasche zusammen (Buch, Wasserflasche, Taschentücher, Snacksalami, Schlüssel, Handy) und marschierte los. Nur 15 Minuten später war ich bei meinem Ziel angelangt: ein schattiges Plätzchen unter einem Baum, mit herrlichem Ausblick auf die fränkische Natur. Ich war seltsam andächtig gestimmt, als ich das Buch aus seiner schützenden Plastikfolie befreite und die erste Seite aufschlug. Der Moment war gekommen: Ich war endlich bereit für den achten und letzten Teil von Harry Potter – Harry Potter und das verwunschene Kind. Ich will ehrlich sein, ich hätte fast geweint, als ich mit den Potters und Weasleys 19 Jahre später auf dem Bahnhof Kings Cross dem Hogwartsexpress hinterherwinkte und neuen Abenteuern entgegen lief (Potterhead eben). Die Grillen begleiteten mein Lesen mit einem wahrlich beeindruckenden Zirp-Konzert, während ich mitten im Spiel zwischen Sonne und Schatten saß und las, und las, und las. Und es war wundervoll. Einige Stunden später ging es für mich wieder nach Hause, und gegen 19 Uhr hatte ich auch diesen “Harry Potter”-Teil beendet. Als kleines Betthupferl genehmigte ich mir von 20:00 bis 23:45 einen Klassiker, ein Kinderbuch, das ich schon immer einmal lesen wollte: Das fliegende Klassenzimmer von Erich Kästner aus dem Jahre 1969. Es war der perfekte Abschluss für diesen Lesemarathon, und mit den letzten Sätzen aus diesem Buch endete der Tag und damit meine 24-Stunden-Lesereise.

Abschließend kann ich nur jedem diese Erfahrung ans Herz legen. Ich brauchte einmal einen Tag, an dem ich meine Freizeit allein um Bücher strukturierte – ohne schlechtes Gewissen wegen unerledigter Uni-Sachen, ohne Social-Media-Ablenkung, ohne Film- oder Serienablenkung. Es war großartig – und ich weiß jetzt schon, dass ich mich dieses Jahr noch einmal mit einem Lesemarathon belohnen und verwöhnen werde, es war einfach zu schön!


Gelesene Bücher: 4
     1.    Walter Moers: Der Schrecksenmeister (2007)
     2.    Wolfgang Herrndorf: Die Rosenbaum-Doktrin und andere Texte (2017)
     3.    J.K. Rowling: Harry Potter und das verwunschene Kind (2016)
     4.    Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer (1969)

Gelesene Seiten (insgesamt): 775

 




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12 thoughts on “Idas Teekränzchen #2 | Lesemarathon im August

      1. Da hast du recht… immerhin kann man schon seit knapp 2 Monaten Lebkuchen kaufen – ist also quasi nur noch wenige Tage entfernt. 😉 Ein weiterer Lesemarathon-Bericht ist ohnehin schon fest eingeplant, also definitv JA! 😀 Nichts kann mich davon abhalten 😀

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      2. Ich fange jetzt aus Loyalitätsgründen nicht damit an, von diesen gefüllten Lebkuchen zu schwärmen… Mit dieser Fruchtfüllung… Nein, werde ich nicht! Auch, wenn die wirklich UNGLAUBLICH gut sind… 😜

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