Idas Regal der ausgelesenen Bücher · Klassiker

Theodor Fontane: Effi Briest (1895)

Effi war so erregt, dass sie nichts sah und nur dem letzten Wagen, auf dessen Höhe ein Bremser saß, ganz wie benommen nachblickte. 
“Sechs Uhr fünfzig ist er in Berlin”, sagte Innstetten, “und noch eine Stunde später, so können ihn die Hohen-Cremmner, wenn der Wind so steht, in der Ferne vorbeiklappern hören. Möchtest du mit, Eff?”
Sie sagte nichts. Als er aber zu ihr hinüberblickte, sah er, dass eine Träne in ihrem Auge stand. (S. 98)

In „Effi Briest“ folgt die Geschichte dem gesellschaftlichen Aufstieg und Untergang der jungen Protagonistin Effi Briest – ein echter Wildfang, ein junges, wildes, naturverbundenes Mädchen, das mit den gesellschaftlichen Normen des preußischen Landadels des 19. Jahrhunderts kollidiert. Mit gerade mal 17 Jahren wird sie an den sehr viel älteren Baron Geert von Innstetten verheiratet, verlässt ihre Heimat und langweilt sich in ihrem neuen Zuhause. Aus Langeweile und aufgrund der fehlenden Zuwendung seitens ihres Mannes, lässt sich Effi nach der Geburt ihrer Tochter auf eine kurze Affäre mit dem Major Crampas ein. Diese stürzt sie 6 Jahre später ins Unglück, als Baron von Innstetten kompromittierende Briefe von Crampas in Effis Nähkästchen findet. Mehr aus gesellschaftlichem Zwang als aus persönlicher Rache, erschießt Innstetten Crampas in einem Duell, lässt sich von Effi scheiden und behält die Fürsorge für das gemeinsame Kind. Effi wird krank, kehrt zu ihrem Elternhaus zurück, von dem sie nach dem Entdecken der Affäre verstoßen wurde, und verstirbt schließlich im Alter von 29 Jahren.

Das Lesen von Klassikern ist so eine Sache für sich. Vielerorts wird man schräg angesehen, wenn man zugibt, dass man mit einem bestimmten ‚Klassiker der deutschen Literatur‘ nichts anfangen kann – ist man vielleicht einfach zu ungebildet? Übersieht man wesentliche Aspekte? Hat man nicht genau genug gelesen und deshalb nichts mit dem Plot anfangen können? Solche Fragen habe ich mir auch eine Zeitlang gestellt, gerade zu Beginn meines Germanistik-Studiums. Aber im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass es doch eigentlich ganz einfach ist: entweder man mag ein Buch oder eben nicht. Während andere beispielsweise für Jane Austen schwärmen, kann ich mit ihrer Schreibweise gar nichts anfangen – es ist mir persönlich zu langatmig, ständig wird bei irgendwelchen Beschreibungen gefühlte 50 Seiten lang verweilt… aber wenn es Menschen gibt, die Jane Austen lieben, dann freut mich das. Nur weil ich einem bestimmten Schreibstil, einem speziellen Genre oder einem Setting nichts abgewinnen kann, muss das nicht für den Rest der Menschheit gelten.

All das und noch viel mehr ging mir beim Lesen von „Effi Briest“ von Theodor Fontane durch den Kopf. Soweit ich mich erinnern kann, war dieser Ehebruchsroman Fontanes Teil eines jeden Lehrplans kurz vor dem Abitur, und damals war “Effi Briest” für mich weder besonders interessant noch wirklich nachvollziehbar. Entschuldigung, aber eine Geschichte über eine 17-Jährige, die von ihrer Mutter an einen 38-jährigen Baron verheiratet wird, der auch noch der frühere Liebhaber der Mutter war – nur damit sie gesellschaftlich aufsteigen kann? Das entspricht nicht wirklich dem Inbegriff der romantischen Beziehung, die sich unsereins im 21. Jahrhundert so vorstellt.

Für meine Hausarbeit in einem Hauptseminar hatte ich mir kurzerhand vorgenommen, „Effi Briest“ eine zweite Chance zu geben. Und ich muss ehrlich zugeben, trotz den Nachforschungen für die Arbeit, trotz der interessanten Einblicke mittels der Sekundärliteratur zum Frauenbild, zur Natürlichkeit Effis, zu Fontanes Gesellschaftskritik – war „Effi Briest“ für mich eines dieser Bücher, die man einmal liest und dann hoffentlich nie wieder. Ich konnte mit Effi nicht wirklich mitfühlen, und auch Innstetten konnte ich nicht wirklich als Bösewicht ansehen. Es war nicht einfach, eine Verbindung zu den Protagonisten herzustellen, aber letztendlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es darum in Fontanes Werk auch einfach nicht ging, auch wenn er selbst offenbar schwer verliebt ist in seine Effi. Wahrscheinlich sollte Effis ambivalentes Wesen zeigen, dass sie, wie auch alle anderen Charaktere, sowohl Schuldige als auch Opfer ihrer eigenen Lage ist. Begeistert war ich von „Effi Briest“ trotzdem nicht. Aber das ist in Ordnung – es gibt so viele gute Bücher auf der Welt, da ist zum Glück für jeden etwas Passendes dabei.


Übrigens: Ich empfehle jedem, sich die Parodie zu Effi Briest: “Letzte Stunde vor den Ferien: Effi Briest” / Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann anzusehen – eine großartige Parodie, ich habe Tränen gelacht.


Autor:   Theodor Fontane
Titel:     Effi Briest
Verlag:  Philipp Reclam Verlag
Jahr der Veröffentlichung: 1895
Seiten:   347


 

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4 thoughts on “Theodor Fontane: Effi Briest (1895)

  1. Ich hatte bis zum letzten Satz auch die Parodie von Böhmermann als Empfehlung für Dich im Kopf, scheint aber dann doch nicht notwendig gewesen zu sein 🙂

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    1. Ich war wirklich heilfroh, dass ich während dem Schreiben der Hausarbeit darauf gestoßen bin. Das nimmt dem Ganzen dann ein bisschen die Strenge und den Ernst, sonst hält man das Arbeiten an ‘Effi Briest’ – meiner Meinung nach – nur schwer durch 😉

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  2. Ich hatte vor kurzem auch das Vergnügen mit Theodor Fontanes “Effi Briest” und mir erging es ganz ähnlich wie dir: Ich konnte zu keinem der Protagonisten eine wirkliche Sympathie entwickeln – bis auf den Hund und Roswitha. 😀
    Das Buch hat sich an manchen Stellen wirklich in die Länge gezogen, weswegen ich am Ende erleichtert aufgeatmet habe. Allerdings sollte man trotzdem unbedingt etwas von Theodor Fontane gelesen haben. Ein sehr gelungener und ehrlicher Beitrag – danke dafür! 🙂

    Ich lasse ganz liebe Grüße da
    Natascha

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    1. Hey Natascha!
      Vielen Dank dafür! Ich bin auch der Meinung, Fontane gelesen zu haben, nutzt sicher mehr als es schadet – das macht es auch einfacher, Vergleiche zu ziehen und herauszufinden, welche Schreibstile und Arten von Texten einem nicht so liegen (und warum das so ist).
      Und ich kann dir nur zustimmen, Roswitha und Rollo waren tatsächlich die einzigen Figuren, zu denen ich eine Verbindung aufbauen konnte, und das hat mir dann wirklich nicht gereicht. 😀

      Ich wünsche dir noch einen schönen Rest-Donnerstag,
      Ida

      Liked by 1 person

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