Idas Teekränzchen

Idas Teekränzchen #1: Ein paar Gedanken zum Lesen im digitalen Zeitalter

Gerade trommelt der Regen auf das Dach und peitscht ausladend gegen die Fensterscheiben, draußen beugen sich die grün belaubten Äste der großen Birke, die im Sommer den Blick auf das Nachbarhaus verdeckt und das Fenster mit freundlichem Hellgrün, sonnigem Lichterflirren und wogendem Blätterrauschen ausfüllt, den aufbrausenden nassen Windböen. Es ist Sommer, und wenn man gerade drinnen ist, macht ein solcher Sommerregen richtig Lust aufs Lesen. Ich will nicht lügen, ich koche mir da auch gerne mal einen Tee, selbst wenn die Wohnung schöne 27 Grad hat. Und dann aufs Sofa gelümmelt, oder aufs Bett, oder quer über den Sessel gefläzt, so liest es sich am Schönsten. Aber lesen geht natürlich auch, wenn die Sonne scheint, wenn es schneit und wenn es donnert, wenn es Januar ist und auch im April. Das geht auch wenn man Jogginghosen trägt oder wenn man gerade im Stehen auf den Bus wartet. Das ist vielleicht nicht glamourös, aber ein herrlicher Zeitvertreib ist es allemal.

Wer sich ein wenig auf Instagram herumtreibt und sich im Sinne von #bookstagram die neuesten Posts ansieht, dem wird auffallen: natürlich macht es sich für ein Foto schöner, sich auf gemütlichen, dekorativen Kissen zusammengerollt oder mit ausgefallenen Kniestrümpfen bekleidet, die mehr zeigen als verhüllen, neben einem Tablett mit dampfendem Tee oder Kaffee und ein paar selbstgebackenen Keksen räkelnd abzulichten. Ein paar wilde Lichterketten dazu, et voila. Fertig ist der Klischee-„So lese ich für gewöhnlich“-Instagram-Post. Ich bin ganz ehrlich: Die Flatlays und andere Bücherfotos auf meinem Instagramprofil sind auch inszeniert, zurechtgerückt, bearbeitet ohne Ende (wenn es um Buchästhetik geht gibt es bei mir nix!) und ich selber liebe es, mir solche Bilder von anderen anzusehen. Für mich sind Instagram-Posts Kunst und entsprechen selten der Realität. Wäre es so, hätte ich den Tee längst durch meine Rumhampelei beim Lesen (selbst da kann ich nicht stillsitzen) quer über meiner Sitzgelegenheit verteilt, die Kekskrümel würden mich zu Tode pieken und die Socken… die hätte ich wahrscheinlich entnervt in die letzte Ecke gedonnert, weil ich die Dinger höllisch unbequem finde. Beim Lesen sehe ich selten aufgehübscht aus, trage auch keine tollen Klamotten, und wenn ich dabei Make-up trage, dann weil es sich bereits auf meinem Gesicht befunden hat bevor ich das Buch ergriffen habe. Einem Buch ist es egal, wie du aussiehst und ob du deine Nägel lackiert, deine Beine rasiert oder einen verdammt gut gelungenen Lidstrich auf deinem beweglichen Lid hast oder eben nicht. Manchem steht der Mund beim Lesen offen (habe ich gehört… chrmchrm) und manchem schläft der Arm ein vom Buch-in-die-Luft-emporrecken.

Wenn ich lese, bin ich praktisch nicht mehr da. Mein Körper hält – mehr oder weniger ansehnlich – die Stellung, während mein Geist auf Wanderschaft ist. Das ist ok. So sollte es sein. Es ist auch ok zu lachen, selbst wenn man gerade im recht vollen Bus sitzt. Wie oft habe ich wild angefangen zu Prusten und wahrscheinlich komische Blicke geerntet (ich sage wahrscheinlich, weil ich das vermute, aber nicht weiß; die Zeit um aufzuschauen und das zu überprüfen habe ich mir nicht genommen). Wenn ihr gerne in Lingerie lest, tut es! Wenn ihr dabei lieber bequeme Jogginghosen und einen gemütlichen Pulli tragt, der niemals eure Wohnung verlassen wird um die Augen der anderen zu schonen, tut es. Wenn ihr lachen müsst oder weinen, schluchzen, aufschreien, kichern oder euch der Mund staunend sperrangelweit offen steht, tut es. Es mag sein, dass es so etwas wie das perfekte Lesewetter oder die perfekte Leseecke vor einem Bücherregal mitsamt Kamin und heißem Glühwein gibt. Aber viel wichtiger ist es, den Ort in euch selbst zu finden, der bereit ist für ein neues Buch, ein neues Abenteuer. Alles andere ist Nebensache. Zugegeben, sehr schöne Nebensache, aber eben nicht das, worauf es wirklich ankommt.

Basierend auf meinen Top 10 des Jahres 2016 hier abschließend noch ein paar Leseempfehlungen für alle, die frischen Wind in ihrem Bücherregal benötigen:

Bücher, die mich am meisten überrascht haben:

  1. Hesh Kestin: The Lie
  2. Richelle Mead: Soundless

Buchreihen, die ich als besonders gelungen empfand:

3. Margaret Atwood: The Maddaddam Trilogy
4. Rick Yancey: The 5th Wave

Bücher, die mir das Herz gebrochen haben:

5. Jodi Lynn Anderson: Tiger Lily
6. John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama

Bücher, die mich noch lange danach verfolgt haben:

7. Sebastian Fitzek: Das Joshua Profil
8. Gerard Donovan: Winter in Maine

Bücher, die mich am meisten inspiriert und mit Glück erfüllt haben:

9. Kathryn Stockett: The Help
10. Wolfgang Herrndorf: Tschick



 

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