Idas Regal der ausgelesenen Bücher · Sachbücher

Lydia Benecke: Auf dünnem Eis. Die Psychologie des Bösen (2013)

Dieses Buch bietet keine einfachen Antworten auf Fragen nach ‚Gut‘ und ‚Böse‘. Einfache Antworten gibt es in diesem Bereich nicht. Doch sie werden die Logik hinter ‚guten‘ und ‚bösen‘ Entscheidungen begreifen. Sie werden sehen, dass das Eis, auf dem Sie selbst in dieser Hinsicht stehen, dünner ist, als Sie bisher glaubten. Im Grunde trennt Sie nur ein schmaler Grat von jenen Menschen, die ‚böse‘ und grausam handeln. Sie werden in die Köpfe dieser Menschen schauen, Sie werden über Ihre Gefühle und Gedanken vermutlich entsetzt sein. Ich lade Sie trotzdem ein auf eine Reise durch die Innenwelt von Psychopathen, von unterschiedlichsten Verbrechern und kaltblütigen Mördern.“

Auf dünnem Eis, S. 12

Auf dieses Buch bin ich genau vor einem Jahr im Juni 2016 gestoßen – und zwar dank einem Artikel in der Ausgabe 07 der Zeitschrift Crime: Wahre Verbrechen des Stern-Verlags. In dem Interview mit der Psychologin und Autorin Lydia Benecke erfährt man mehr über ihre Arbeit mit Gewalt- und Sexualstraftätern, über sie selbst als Person und über die verschwimmenden Grenzen zwischen ‘Gut und ‘Böse’. Die Faszination an wahren Verbrechen, an den Abgründen der menschlichen Seele, und die mögliche Antwort auf das Warum solcher Taten sind der Grund, warum Auf dünnem Eis es in mein Bücherregal geschafft hat.

Lydia Benecke befasst sich in diesem Buch mit Psychopathen – mit solchen, die leicht oder mittelgradig psychopathisch sind oder denjenigen, die eine stark ausgeprägte Psychopathie aufweisen. Ihnen allen ist eins gemeinsam: sie besitzen eine oder mehrere Eigenschaften aus dem „Psychopathie-Baukasten“, wie Benecke es an einer Stelle nennt. Ganz grob gesehen unterscheiden sich Psychopathen laut Benecke von einem ‚normalen‘ Max Mustermann vor allem in ihrer Sicht über sich selbst, in ihrem Verhalten gegenüber anderen, in der Art und Weise ihres Fühlens, ihrer Lebensgestaltung, ihrer Einstellung zu jeglichem Verhalten krimineller Art seit ihrer Kindheit und in der Gestaltung ihres Sexual- und Liebeslebens (Benecke, S. 157). Ich finde es wahnsinnig spannend, dass es Menschen gibt, die versuchen, eine Erklärung für das Verhalten von Psychopathen zu finden. Das bedeutet aber nicht, dass sie damit die jeweiligen Taten eines Psychopathen rechtfertigen wollen. Es soll eine Erklärung gefunden werden, was Menschen zu solchen Taten verleitet. Liegt der Auslöser in der Kindheit? Liegt er im Gehirn? In der Psyche? Ist der Auslöser ein gesellschaftlich bedingter Aspekt, der das soziale Umfeld und das Milieu eines Menschen mit einschließt? All diesen Fragen geht das Buch von Lydia Benecke nach. Gekonnt wird die theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema von passenden Beispielen begleitet, den wahren Verbrechen, die Menschen auf der ganzen Welt schockiert und entsetzt haben.

Als besonders interessant empfand ich eines der letzten Kapitel, in dem Benecke ein Gedankenexperiment beginnt, dass den Leser miteinbezieht. Spätestens hier wird klar: Von dem hohen Ross der Vorurteile und der gefühlten moralischen Überlegenheit gegenüber Psychopathen und ihrer Denk-und Verhaltensweise darf oder sollte man sich jetzt herab begeben. Die Grauzone, in der sich der Leser während der angestellten Gedankenexperimente befindet, verdeutlicht noch einmal, wie sehr wir uns eben nicht auf das bekannte Schubladendenken von ‘Gut’ und ‘Böse’ verlassen können. Was ist für uns moralisch vertretbar? Wo ist die Grenze zwischen ‘Gut’ und ‘Böse’ und warum verschwimmt sie in den meisten Situationen, je nachdem aus welcher Perspektive man diese betrachtet?

Ich empfehle dieses Buch jedem, der menschliches – oder ‘unmenschliches’?- Verhalten hinterfragt, der sich gerne ab und zu auf Geschichten basierend auf wahren Verbrechen stürzt und wissen möchte, was in einem Psychopathen vorgeht und ob es in seinem Kopf sehr viel anders aussieht als in dem eigenen.

 


Autor:   Lydia Benecke
Titel:     Auf dünnem Eis. Die Psychologie des Bösen
Verlag:  Bastei Lübbe 
Jahr der Veröffentlichung: 2013
Seiten:   347


 

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