Fantasy / Fiktion · Idas Regal der ausgelesenen Bücher

Rezension | Walter Moers: Ensel und Krete. Ein Märchen aus Zamonien (2000)

Könnte es sein, daß Alter und Erfahrung mit Intelligenz und moralischer Reife wenig oder gar nichts zu tun haben? Daß es auch nichts hilft, tausend Jahre alt zu werden, wenn man blöde geboren wurde? Wieso sind militärische Führungskräfte meist in fortgeschrittenem Alter, und warum stehen Fußsoldaten immer in der Blüte ihrer Jugend? Was hat es für einen Sinn, unsere jungen Hoffnungsträger ins Feuer zu schicken? Sie dürfen meine politischen Ansichten ruhig für naiv halten, aber wäre es nicht wesentlich gerechter, bei kriegerischen Konflikten unsere Rentner ins Feld zu schicken? Diese Art von Schlachten wären schnell vorbei, das kann ich garantieren. Bevor die Armeen aufeinanderprallen, wären die Soldaten auf dem Weg eingeschlafen. Oder eines natürlichen Todes gestorben.

Walter Moers | Hildegunst von Mythenmetz in: Ensel und Krete | S. 165

Zu Beginn sei gesagt: Walter Moers ist für mich der absolute Meister des Geschichtenerzählens. Ich habe mich damals in seine Bücher Die Stadt der träumenden Bücher und Das Labyrinth der träumenden Bücher verliebt – und wusste nicht, dass es bereits Bücher rund um Zamonien gibt! Mit Die 13einhalb Leben des Käpt’n Blaubär habe ich vor zwei Monaten die Reise nach Zamonien angetreten – und sie mit Ensel und Krete – ein zamonisches Märchen, der Nummer zwei im Bunde der Zamonien-Bücher fortgesetzt. Es war, wie ich es mir erhofft hatte: eine wilde Reise voller Fantasie und sehr sehr schwarzem Humor, voller liebevoller und ulkiger kleiner Zeichnungen, die die eigene Vorstellung ab und an gekonnt unterstützen.

Angelehnt an das bekannte Märchen Hänsel und Gretel verirrt sich also ein Fhernhachen-Geschwisterpärchen im vermeintlich friedlichen und besucherfreundlichen Großen Wald, wo es mit seinen Eltern die Ferien verbringt. Ensel, der kleine Draufgänger, will eine Eiche fernab der sicheren Wege besteigen, weil ihn das Touristenprogramm samt Himbeerpflücken langweilt. Er überredet seine Schwester Krete zum Verlassen der Wege und erzählt ihr seinen ausgefuchsten Plan: Auf ihrer Suche nach einer Eiche, die des Bekletterns würdig ist, werden sie eine Spur aus Himbeeren legen, um ihren Rückweg deutlich zu markieren. Bombensicherer Plan! Bis auf die Tatsache, dass ein Erdgnömchen den Tag seines Lebens hat, als es auf eine am Boden liegende Himbeere stößt. Und dann noch eine… und noch eine… alle fein säuberlich aufgereiht. Glück für das Erdgnömchen, Pech für die Fhernhachen-Geschwister. Die erleben die tollsten Abenteuer und stoßen auf die seltsamsten Waldbewohner – obwohl der Wald von den Buntbären doch als so besucherfreundlich und gar nicht gefährlich angepriesen wird! Ensel und Krete erleben am lebendigen Leib, wie es ist, einem Stollentroll, einem Laubwolf, oder einem verrückt gewordenen Buntbären zu begegnen, ganz zu schweigen von den Auswirkungen, die Hexensekret auf unschuldige kleine Fhernhachen hat. Moers beschreibt diesen ungeplanten Ausflug von Ensel und Krete so skurril und abstrus, dass man es schon wieder glauben will, was da in Zamonien vor sich geht. Auch das Wiedersehen – oder eher Wiederlesen – von bekannten Figuren, Konzepten und erwähnten Personen aus dem Vorgänger, Die 13einhalb Leben des Käpt’n Blaubär, erweckt beim Leser den Eindruck, als hätte er Zamonien nie – oder nur für einen Kurzurlaub – verlassen.

Was ich besonders unterhaltsam fand, waren die Mythenmetzschen Abschweifungen, die hier und da – meist an den spannendsten Stellen der Handlung – von Hildegunst von Mythenmetz eingestreut werden. Diese Cliffhanger-mäßigen Unterbrechungen waren so urkomisch, dass ich aus dem Lachen gar nicht mehr herausgekommen bin:

 Das sind für mich die wahren Bedrohungen: schlampige Grammatik, knirschende Reime, schlechter Stil, in Zusammenhang mit nur schlecht verbrämten politischen Zielen. Ich hätte nicht übel Lust, wieder ein paar Seiten lang ‚Brummli‘ zu schreiben.

Hildegunst von Mythenmetz in: Ensel und Krete, S. 73

Ich bin einfach sehr begeistert von der Art und Weise, wie Moers seine Erzählungen aufbaut. Auch Ensel und Krete gleicht einer wissenschaftlichen Abhandlung, wenn Begriffe in den Fußnoten mithilfe des Lexikons der erklärungsbedrüftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomenen Zamoniens und Umgebung von Professor Dr. Abdul Nachtigaller definiert werden und die ausufernde Persönlichkeit von Hildegunst von Mythenmetzt mit Sprachspielereien und viel Witz ihren Platz in der Erzählung findet.

Eine absolute Leseempehlung für alle Moers-Fans und all diejenigen, die dem Charme Zamoniens nicht widerstehen können!


Autor:   Walter Moers
Titel:     Ensel und Krete. Ein zamonisches Märchen
Reihe:   Zamonien (#2)

Verlag:  Goldmann Verlag
Jahr der Veröffentlichung: 2000
Seiten:   255


 

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3 thoughts on “Rezension | Walter Moers: Ensel und Krete. Ein Märchen aus Zamonien (2000)

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