Idas Regal der ausgelesenen Bücher · Romane

Rezension | David Grossmann: Der Kindheitserfinder (1991)

Gerade in solchen Augenblicken war ihm leicht ums Herz, als habe er sich plötzlich aus einer bösartigen und herrschsüchtigen Umklammerung gelöst. Er streckte die Beine aus und lehnte sich zurück. Einen Augenblick lang legte der Schmerz eine Pause ein. Die furchtbare Last seines Herzens. Einfach so, ohne Erklärung, ein kurzer Urlaub. Wer weiß, was er dafür zahlen wird.

David Grossman | Der Kindheitserfinder | S. 435

In „Der Kindheitserfinder“ geht es um den jungen Aaron Kleinfeld. Er ist ein Junge auf dem Weg in die Pubertät, die sich ihm scheinbar verweigert und ihn somit aus der Gruppe seiner übrigen Klassenkameraden und Freunde ausschließt. Er leidet spürbar unter dem Einfluss seiner Eltern, die ihn nicht verstehen und viel Wert auf Angepasstheit legen. Seine Mutter lebt nur nach außen, lebt den Schein einer angepassten Familie und will diesen um jeden Preis aufrechterhalten. Auf diese Weise verliert sie Stück für Stück ihre Familie – sei es die Tochter, die gegen sie rebelliert und sich der Armee anschließt oder den Mann kurzfristig an eine andere Frau, oder sogar den Sohn Aaron, für den sie sich immerzu zu schämen scheint, der nie genug ist.

Die Schreibweise dieses Romans vermittelt die Zerrissenheit Aarons, sein Drängen dahingehend, wie seine Freunde zu sein und endlich Zeichen der Pubertät aufzuweisen – und seinen Kampf darum, dass die Beziehungen zu Eltern, Verwandten und Freunden so unbeschwert bleiben soll wie sie es in seiner Kindheit waren. Sein Scheitern in diesen Dingen und das Scheitern seines Versuchs, Ansehen von seinen Eltern zu erlangen, nimmt den Großteil des Buches ein. Es fiel mir ehrlich gesagt schwer, an diesem Buch dran zu bleiben. Mein Interesse an der Geschichte war immer nur von kurzer Dauer, besonders weil sich die letzten zwei Drittel des Buches darum drehen, wie Aaron immer weiter in diesem Strudel aus zäher Verzweiflung untergeht, mal verbittert strampelnd, mal gelähmt feststeckend. Ich hatte mehr von dieser Geschichte erwartet als das, was sich am Ende herauskristallisiert hat. Die Charakterzeichnungen am Anfang waren meiner Meinung nach gut gelungen, auch wenn das zum Ende hin nachgelassen hat. Besonders die Rolle der Eltern hat sich mir nachhaltig eingeprägt, da sie sich so gar nicht in das Seelenleben ihres Sohnes einfühlen konnten und damit seine Situation noch auswegloser gestalteten. Deshalb fand ich folgende Stelle besonders bezeichnend, in der Aaron seine Familie hinterfragt:

(…) aber ihr liebt doch, ihr seid doch eine liebevolle Familie, nicht wie die Schwarzen, die Sephardim oder die Gojim oder die Araber, denen es egal ist, wenn ihre Kinder auf der Straße zwischen den Autos spielen und überfahren werden, ihr paßt doch auch, paßt die ganze Zeit auf, zieh dich warm an, und mach den Knopf zu, und iß noch, und Augen auf auf der Straße, und sprich nicht mit fremden Leuten, warum seid ihr dann so? Wie – so? So – Daß ihr gleich aufgebt. Nicht um mich kämpft.

David Grossman | Der Kindheitserfinder | S. 413

Wie Aaron mit seinem eigenen Körper hadert, hatte durchgehend kafkaeske Züge – und mich selber verbindet mit Kafkas Werken eine Art Hass-Liebe, weil mich diese Art zu schreiben, als würde man in einem nicht endenden Albtraum festzustecken, wahnsinnig macht. Und das war streckenweise eben auch in Der Kindheitserfinder so. Trotz allem ist es aber kein schlechtes Buch, auch wenn es mich nicht so mitgerissen hat wie ich es zu Beginn des Buches gehofft hatte.


Autor:   David Grossman
Titel:     Der Kindheitserfinder
Verlag:  Fischer Taschenbuch Verlag
Jahr der Veröffentlichung: 1991
Seiten:   497


 

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